Ich habe ein neues Lieblingswort. Es heißt Corona-Beschwerdepause. Eine solche halte ich gerade für sehr angebracht. Denn gehen wir doch mal einen kleinen Schritt zurück und betrachten die Lage gedanklich mit etwas Abstand. Ein großer Teil der Angestellten in unserer Mittelschicht arbeitet derzeit von zu Hause aus. Von zu Hause – ok, das ist neu, aber sie können noch arbeiten und zugleich sich und andere vor eine Infektion mit dem Corona-Virus schützen. Das Gehalt wird weiterbezahlt, keine Kurzarbeit, keine Einkommenseinbußen und keine Existenzsorgen.

Manja Schreiner: Das Glas mehr halb voll, als halb leer sehen

 

Wie viele Arbeitnehmer und vorneweg wohl vor allem Arbeitnehmerinnen haben sich mehr Home Office gewünscht, bis das Virus sie und ihre Arbeitgeber dazu gezwungen hat? Zu Hause arbeiten, Arbeit und Beruf besser miteinander verbinden, morgens nicht im Stau stehen, mehr Zeit mit den Kindern verbringen können, das ist die Sichtweise auf die momentane Situation, die das Glas mehr halb voll, als halb leer sieht. Natürlich ist es eine Gradwanderung und mit Umstellungen verbunden. Die Familien müssen die Bildung ihrer Kinder weitestgehend selbst organisieren. Das führt nicht zwangsläufig zu Defiziten, sondern fördert vielleicht auch die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler, sich Inhalte selbst zu erarbeiten, sich wie ihre Eltern im Homeoffice zu organisieren und zu arrangieren. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele von uns in Zukunft rückblickend die neu gewonnene Zeit mit den Kindern und reduziert auf die eigene Familie auch wertschätzen werden.

Wer sich dennoch darüber beschwert, sollte den Blick auf die Personen lenken, die in systemrelevanten Berufen arbeiten und für die die Herausforderung eine noch viel Größere ist. Diejenigen also, die derzeit bei der Ausübung ihres Berufs um ihre Gesundheit fürchten müssen, die sich Sorgen machen, weil nicht genügend Schutzkleidung vorhanden ist. Oder diejenigen, die ihr Geschäft schließen mussten, ihre Gaststätte, das Reisebüro oder Hotel, den Friseursalon oder, oder, oder…. all diejenigen, die nun um ihre Existenz bangen. Ganz zu schweigen von den Menschen, die auf den griechischen Inseln ungeschützt leben müssen oder die in zahlreichen Staaten Afrikas und Lateinamerikas weder auf ein funktionierendes Gesundheitswesen, noch auf einen Sozialstaat hoffen können. Es geht für uns an Ostern nur darum, mal zu Hause zu bleiben. Wir haben Telefon, wir haben Internet, wir haben den Fernseher und wir haben genug zu essen. Wir haben ein Dach über dem Kopf und wir können zu zweit oder mit der Familie nach draußen. Unsere Luftqualität ist gut – kurzum, es fehlt uns an nichts Lebenswichtigem. Unser Mitgefühl verdienen nicht nur an Ostern diejenigen, die einsam sind.

„Wir leben in einem Staat, der in der Lage ist, diese Krise zu meistern“

 

Deutschland hat in seiner Geschichte schon ganz andere Herausforderungen gemeistert. Ich denke an die Generation, die unser Land nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut hat, die Krieg, Hunger und unsägliches Leid durchgemacht hat und die mit ganz anderen Problemen als Kontaktverboten zu kämpfen hatte. Manchmal wünsche ich mir in unserer Gesellschaft vor diesem Hintergrund ein bisschen mehr Demut und offene Augen dafür, dass wir im Grunde trotz des Virus‘ noch immer einen hohen Lebensstandard haben. Wir leben in einem Staat, der in der Lage ist, diese Krise zu meistern. Unser aller Augenmerk sollte sich jetzt darauf richten, unsere Wirtschaft bestmöglich zu stabilisieren, denn sie ist die Grundlage für unseren zukünftigen Wohlstand.